Die Weltmeisterschaft im eigenen Land begeisterte nicht nur Handballer. Millionen Zuschauer hingen vor dem Fernseher wenn Deutschland spielte. Es war fast so wie vor zwölf Jahren – mit dem Unterschied, dass ARD und ZDF diesmal noch ausführlicher und intensiver berichtet haben. Und mit dem weiteren Unterschied, dass in der Vorrunde (zumindest in Berlin) auch bei den anderen Spielen mächtig Stimmung war.

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Was hat uns die WM in punkto Spiel gebracht? Gibt es einen Trend? Was hat wie und warum zum kleinen oder auch großen Erfolg geführt? Für die Abwehr galt das Motto „hart und fair“. Da gingen die Spieler oft knüppeldick zu Werke. Weitestgehend im Rahmen des Erlaubten – meist bzw. oft bis an die Grenze dessen. Durch konsequente Schiedsrichter hatten sich die meisten Deckungsspezialisten im Griff. Schön finde ich, dass jegliche Attacke an einen springenden Angreifer sofort mit einer Zwei-Minuten-Strafe geahndet wurde.

GWD, die personellen Baustellen und die emotionalen Reaktionen im Netz Außergewöhnliche Varianten gab es eher selten. So wie die Russen im Spiel gegen Deutschland gedeckt haben war eine davon (mit ein oder zwei Deckungsspielern sehr offensiv das Angriffsspiel stören). Das führte dann ja sogar zum (Teil-)Erfolg. Mehr aber auch nicht – die Finalrunde hatte Russland nicht erreicht. Im Angriff drückten oft individuelle Aktionen den Stempel drauf. Das „Mann gegen Mann“ oder der Angriff in Kleingruppen (2 gegen 1, 3 gegen 2) wurde bevorzugt.

Wenn eine Mannschaft dann einen Mittelmann a la Domagoj Duvnjak hat wie die Kroaten, dann ist das schon eine feine Sache: Spielgestalter, Anspieler, Schütze und Kraftpaket in einem – dazu kann der auch noch decken: perfekt. Auch über 1,90 Meter, aber etwas schmaler, ist Sander Sagosen – Spielmacher der Norweger. Ebenfalls ein Kraftpaket – ebenfalls trickreich im Anspiel und torgefährlich. Der Isländer Aron Palmarson. 1,98 Meter, 96 kg, Wurfkraft, Wurfgenauigkeit, Übersicht. Der Schwede Jim Gottfridsson: auch ein torgefährliches Kraftpaket.

Einen schwedischen Mittelmann wird GWD Minden ab Sommer nicht mehr haben – Dalibor Doder erhält keinen neuen Vertrag. Ich weiß jetzt nicht, ob das eine Rolle gespielt hat, aber die Attribute eines modernen Mittelmanns hat er auch durch seine 1,82 Metzer und 80 kg nicht. Das allein ist natürlich kein Maßstab. Er hat zweifelsohne seine Verdienste um die Grün-Weißen. Aber er wird im Mai 40 Jahre alt. Hand aufs Herz: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass er auf dem Feld noch andauernd Höchstleistungen zeigen/liefern kann? Wie groß sind die Chancen, die Mannschaft mit ihm auf mittel- und langfristige Sicht weiterzuentwickeln? Eher gering. Von da her ist es eine strategische Entscheidung. Ja, es können mit einer Neuausrichtung auch Probleme kommen. Aber ohne wird es die vermutlich auf jeden Fall geben. Und dann?

Ganz interessant fand ich die Reaktionen in den sozialen Netzwerken. Heidewitzka, was wurde Frank von Behren da beschimpft. „Wie kann man das denn machen – mit so einem verdienten Spieler nicht den Vertrag zu verlängern?“ Komisch, bei der letzten Verlängerung von „Dado“ gab es irrsinnig viele Stimmen, die genau entgegengesetzt lamentiert hatten. „Wie kann man das denn machen – einem so alten Spieler noch einen Vertrag zu geben?“.

Jetzt weiß der Frank natürlich um seinen Job – schon als Spieler stand er ja Ewigkeiten in der Öffentlichkeit und er kann sehr gut mit Kritik umgehen. Sehr humorvoll finde ich den Vergleich mit Hasan Salihamidzic. Im Freundeskreis wird Frank jetzt „Brazzo“ genannt – so ist ja der Spitzname des Bayern-Sportdirektors…

Außerdem gibt es eine größere Baustelle: Rückraum rechts. Durch den anstehenden Weggang von Andreas Cederholm muss der Verein da handeln. Und das bestenfalls nicht mit einer Notlösung. Für die Mitte und halblinks stehen ja auch noch vier Spieler im aktuellen Kader parat. Die nächste, wenn auch kleinere Baustelle, ist der zweite Torwart. Auch wenn es wohl relativ einfach sein wird den Kader auf dieser Position aufzufüllen. Und sollte dann noch genügend finanzielles Potential vorhanden sein, kommt auch noch ein Mittelmann. Ja, alles Glaskugelgucken – warten wir es mal ab.

Von Carsten Dehne