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„Tattoos mit Anspruch sind mir wichtig.“ Micha High Voltage ist Fachmann für Custom Lettering.

Seine Wurzeln liegen im Graffiti.

Micha High Voltage in seinem Studio am Blanken Puhl.Micha High Voltage in seinem Studio am Blanken Puhl. Foto: Björn Bultemeyer

Von Andrea Williams

Durchstöbert man das Portfolio des Tätowierers Michael Sork, entdeckt man florale Ranken auf Armen, schwungvoll verzierte Schriftzüge auf Beinen und ziemlich krasse Gesichtstattoos. Alle Arbeiten zeichnen sich durch seine markant kraftvolle Handschrift aus. Seit Anfang 2016 betreibt er das Tattoostudio High Voltage Tattoo Minden am Blanken Puhl. Das Tätowieren ist für ihn ganz klar eine Kunstform. Sein eigener Anspruch: Unikate für die Ewigkeit schaffen.

Wie bist du zum Tätowieren gekommen?
Im Sommer 2015 stach ich mein erstes Tattoo bei High Voltage Tattoo Bielefeld. Der Chef des Studios war ein Bekannter, den ich von der ersten Graffiti Jam „Hack & Lack“ (siehe Infobox unten), damals noch „Grillen & Lackieren“, hier in Minden kannte. Wir sprühten nebeneinander, und so erfuhr ich von seinem Laden. Ein paar Jahre später war ich so weit, dass ich mich beruflich weiterentwickeln wollte. Nach einem Telefonat lud er mich zu sich ins Studio ein, damit ich mir alles in Ruhe angucken und mich entscheiden konnte, ob das überhaupt was für mich ist. Eine halbe Stunde vor seinem Feierabend durfte ich bereits einen Kunden tätowieren. Tja, dann läuft einem schon die Suppe. Zuvor hatte ich noch nicht einmal eine Tätowiermaschine in der Hand.

Erinnerst du dich noch an das erste Motiv?
Der Entwurf bestand aus einem kleinen „Busted“ („Gefasst“) Schriftzug am Knöchel. Das hat dem Kunden gut gefallen, also durfte ich gleich loslegen. Ich wurde ins kalte Wasser geschmissen. Das ist mir gut bekommen. Mittlerweile habe ich sehr viele Tattoos von anderen Personen gecovert, die wesentlich schlimmer aussahen als dieser erste Schriftzug. Vielleicht ist das einfach meine Inselbegabung. In dem Laden erlernte ich innerhalb von sechs Monaten im Schnellkurs mein Handwerk. Anfang 2016 eröffnete ich bereits meinen eigenen Laden in Minden.

Und dein Laden heißt auch High Voltage Tattoo?
Es sind zwei eigenständige Läden, aber ich tätowiere gerne unter dieser Flagge, um zu zeigen, wo ich herkomme und wer mir damals die Chance gab, mich zu verwirklichen. Trotzdem stellt mein Ausbilder es mir frei, den Namen zu wechseln.

 

Welchen künstlerischen Background hast du?
Graffiti. Angefangen bei den ersten Bleistift- und Filzstiftskizzen ging es irgendwann mit der Dose und Tag Markern los. Diese zehn, zwölf Jahre vor meiner Laufbahn als Tätowierer, in denen ich täglich künstlerisch aktiv war, zahlen sich heute aus. Nur das Werkzeug und der Untergrund wechselten. Ich konnte das einfach gut umswitchen und habe sehr viel vom Sprühen übernommen.

Kenner sehen, dass ich viele Sachen mit Spritzern und weiteren Stilelementen des Graffitis mache.

Was sind für dich die größten Vorteile beim Tätowieren gegenüber dem Sprühen?
Man muss nun nicht mehr darum kämpfen, dass Bilder stehen bleiben. Meine „Leinwand“ kommt quasi ins Studio und zahlt Geld dafür, dass ich für immer ein Stück von mir auf ihrer Haut aufbringe. Man hat nicht mehr diese klassische Auftragsarbeit, für die man den Leuten erst mal erklären muss, dass Graffiti nicht zwangsläufig illegal sein müssen. Somit kann ich mich künstlerisch entfalten, mich austoben, davon gut leben und meine Familie ernähren. Damit bin ich sehr zufrieden, und es reißt nicht ab. Bei einem guten Tattoo kommen fünf Leute hinterher, die auch so was haben wollen: Freunde, Bekannte, Verwandte. Ein Schneeballprinzip, das am Ende nicht in einem großen Knall endet.

Es kann einfach immer weiter so funktionieren, wenn man nicht abhebt.

In Minden gibt es mittlerweile eine Menge Studios.
In Bielefeld habe ich eher das Gefühl, dass zwischen den Studios Konkurrenz herrscht. Hier in Minden gibt es für alle Läden mit der jeweiligen Kundschaft genug zu tun. Ich mache eher speziellere Sachen und setze nicht klassisch alles um. Auf meine eigene Handschrift lege ich viel Wert. Ich verkaufe Unikate und ziehe mir nicht einfach bei Google ein Motiv. So sollte es eigentlich überall sein. Wenn ich etwas als „Wanna Do“, also als Wunschmotiv, zeichne, tätowiere ich das einmal und dann wandert das in mein Archiv.

Micha High Voltage
Micha High Voltage betreibt das Studio High Voltage Tattoo in Minden. Foto: Björn Bultemeyer

Welche Kunden sind dir am liebsten?
Im Idealfall erzählt mir der Kunde die Story, die ihn zu einem Tattoo bewegt, ohne konkrete Motive mitzubringen. Wir können dann im Gespräch gemeinsam eine Idee entwickeln, und ich mache einen entsprechenden Entwurf. Eingefahrene Vorstellungen von Standardmotiven versuche ich dem Kunden auszureden. Tattoos mit Anspruch sind mir wichtig.

Was sind deine Schwerpunkte als Tätowierer?
Ich mache sehr viel Custom Lettering, also diese Hardcore Schriftzüge, die man höchstens lesen kann, wenn man Hilfe dazu bekommt. Leute, die sowas auf der Haut tragen, genießen es, dass sie nicht jeder lesen kann. Sie behalten die Bedeutung dann lieber für sich oder haben die Wahl, wem sie es verraten. Manchmal ist es auch ganz schön, wenn nicht jeder sofort weiß, was so ein Tattoo eigentlich bedeutet. Selbst hinter einer kotzenden Waschmaschine kann eine gute Geschichte stecken. Ein Unikat ist immer besser als etwas, das schon alle haben. Dies kann schwierig sein, aber nicht unmöglich.

Weißt du, von wo überall Leute kommen, um sich von dir tätowieren zu lassen?
Das meiste ist lokal, aber einige Liebhaber nehmen auch eine weitere Anreise in Anspruch. Aus jeder größeren Stadt in Deutschland habe ich inzwischen Leute in meiner Kundendatei, weil ich als Gast-Tätowierer gelegentlich in anderen Studios oder auf Conventions arbeite.

Du bist häufiger auf Messen unterwegs. Welche ist dir in besonderer Erinnerung geblieben?
Irgendwie gibt es immer Highlights. Ich habe schon sehr viel gesehen und erlebt. Anfang des Jahres war beispielsweise in Lüneburg eine Convention, wo einen Gang weiter jemand nackt mit einer Affenmaske auf dem Tresen lag. Die Aussteller waren noch alle am Arbeiten, aber er war schon ziemlich druff und schlief auf dem Ausstellungstisch.

Wenn du noch mal von vorne anfangen könntest: Würdest du wieder alles so machen?
Ich wäre gerne früher gefördert worden. Im Nachhinein war es so vielleicht genau richtig. Meinen jetzigen Einfluss hätte ich sonst nicht. Ich war sechs Jahre lang auf dem Bau und lernte das normale Arbeitsleben kennen. Das finde ich wichtig.

Wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus?
Es gibt selbstständige Tätowierer, die in fünf Jahren nicht mehr selbst tätowieren und stattdessen nur noch Angestellte haben möchten. Das kommt für mich nicht infrage. Ich bin eine One-Man-Show und organisiere alles selbst: meine Termine, Entwürfe, Tattoos und die Werbung. So möchte ich das beibehalten. Im Idealfall möchte ich ankündigen, dass ich in vier Wochen an einem bestimmten Ort arbeite, und aus den daraus konsultierenden Terminanfragen möchte ich dann nur noch was Schönes heraussuchen. Das ist mein Fünfjahresplan. Ich möchte mit dem, was ich mache, nicht aufhören.

Es ist meine Leidenschaft, in der ich aufgehe.

Wie nimmt man am besten Kontakt zu dir auf, wenn man sich von dir tätowieren lassen möchte?
Am allerbesten sollte man auf Instagram mein Portfolio anschauen und wenn einem meine Arbeit gefällt, findet man dort meine Kontaktdaten. Ein unverbindlicher Beratungstermin in meinem Studio ist auch möglich. Dafür nehme ich mir dann natürlich Zeit.

Micha High Voltage auf Instagram
www.instagram.com/micha_highvoltage


 

Hintergrund: Hack & Lack Jam
Nach einigen Jahren Pause findet am 7. September endlich wieder die beliebte Hack & Lack Graffiti Jam am Anne Frank Kreativzentrum statt.
Internationale Künstler können bei der Erstellung ihrer Bilder bewundert werden. Los geht es um 12 Uhr mittags.
Zum ersten Mal findet abends die Hack & Lack Festival Live Jam statt. Es treten unter anderem Mindens Lokalheld Curse, der Beatboxer MaZn und Rapper Clishé MC auf.
– Karten im Vorverkauf gibt es bei express Ticketservice & mehr in der Obermarktstraße 26 – 30 und bei tixforgigs.com.
Mehr Infos gibt es auf www.hackundlack.de.